Aalto Essen: Kein Lusterleben – Carl Maria von Webers „Freischütz“ als Zerrbild

Maximilian Schmitt (Max), Heike Trinsinger (Kaspar) (v.l.), Statisterie
Foto: Martin Kaufhold

Der „Freischütz“ ist ein Steinbruch. Aus ihm lassen sich bekanntlich beliebige Gebäude errichten. Historisch erwuchs aus ihm manches, auch krude Gedankengebäude und mit der Historie wuchs der beladene Anspruch auch romantischer Fiktion. „Romantische Nationaloper“ dürfte wohl der Gipfel sein, von dem es eigentlich ja nur bergab gehen kann. Begeisterung, Spott und Widerstand, alles affizierte von Webers Werk und überlebte. Damit steht jede Regie vor der Grundfrage, Bedienen der romantischen Emotion oder Dekonstruktion. Von Letzterem ist es nur noch ein Schritt zum Verriss.
Tatjana Gürbaca, die Regisseurin der Essener Aalto Produktion, Titelträgerin als „Regisseurin des Jahres 2013“, dort wurde sie für ihren Antwerpener „Parsifal“ geehrt, steht wohl mit ihrem Essener Freischütz unter Erfolgszwang und wagt sich an die vollkommene Negation eines Freischützes, der so eigentlich keinen Platz mehr in der Gegenwart haben dürfte. Die „Wolfsschlucht“ des zweiten Aktes wird zum Tummelplatz menschlicher Triebabfuhr, als Kompensation der Kriegstraumata des Dreißigjährigen Krieges. Verkrampfte Symbolhandlungen aller denkbarer Dekadenz. Die Darsteller flüchten in abergläubische Refugien. Was so noch als individuelles Reagieren auf die zeitlichen Gegebenheiten gedeutet werden kann, führt Gürbaca in einem kühnen Ablauf auf ein scheinbar zwanghaft vorgegebenes Ende. Hitler und der Holocaust als Schiene in die Vernichtungslager als Endbild für den Besucher. Da ergibt sich, dass das Bühnenbild (Klaus Grünberg) eine graue, farblose Gestaltung benötigt.
Ansonsten sollen Zappelbilder der Wollust und billige Sexdarstellungen jeder mit jedem alles…, Agathe zeigt Entzückung bei der Onanie mit Maxens Gewehrlauf, Zwang statt Lust und so eigentlich entbehrlich, Dekadenz opernhaft dem Besucher ins Bewusstsein bringen.
Solch ein Geschehen kann und soll keinen harmonischen Abschluß finden, der Dritte Akt hinter Gazeschleier der Regenflut, Kugelschuß in Bombennacht und Hauseinsturz dann zum brachialen Schlußbild der Schienen ins Vernichtungslager.
Musikalisch hatte Dirigent Tomás Netopil deutlich Schwierigkeiten den Chor synchron zu halten. Maximilian Schmitts Max hatte ebenfalls keine Sternstunde, Jessica Muirheads Agathe brillerte vorwiegend in der Mittellage. Tamara Banjesevic als Ännchen sang ihre Rolle exzellent, ein vom Publikum gefeiertes Trostpflaster.
Das Publikum ertrugs, artiges Abnicken und vereinzelte Buhrufe bereits in der Premiere.

Webers Freischütz 1821 zwischen Schuberts Erlkönig von 1815 und dessen Winterreise von 1827, Karl Spitzweg, Ph. O. Runge und Caspar David Friederich als Zeitgenossen, der richtige Baukasten für eine Nationalkritik? Eher das Unverständnis zwischen epochaler Zeitgeschichte und die Einbettung von Kunstströmungen in deren Kontext.

„Freischütz“-Termine in Essen: www.theater-essen.de/oper