Der Verblödung preisgegeben

Eine einfache Botschaft, IQB-Studie und nun die Iglu-Studie, bestätigen Deutschlands Viertklässlern eine schlechte Leseleistung. So kann fast jeder fünfte Vierklässler kaum lesen. 

Schon die Pisa-Studie wies auf den eklatanten Mangel im Bildungsbereich hin. Leider zog man derzeitig nicht den richtigen Schluß, das die Bildungsbemühungen sehr früh ansetzen müssen. Gymnasien sind eben lautstärker in Geltungsansprüchen als Grund- und Gemeinschaftsschulen. Aber zwischen Kita und Gymnasium liegen die Grundschulen, und diese wurde sträflich vernachlässigt.

Neben der heterogenen Struktur der Grundschulen mit ihren verschiedenen Sprachgruppen kam auch das unsinnige Experiment eines bloßen Gehörschreibens hinzu, dass jeden Maßstab und jede Schreibsicherheit nahm.

Da die Lesefähigkeit der Schlüssel zur weiteren Bildung ist, sollte es Schulen strikt untersagt werden, methodische Experimente an Schülern zu unternehmen.

(stk.)

 

 

 

 

Mehr Hochschulpersonal im Ruhrgebiet

(idr). Die Hochschulen im Ruhrgebiet haben ihr Personal aufgestockt. Ende 2016 arbeiteten an den Hochschulen mit Sitz und Standort im Ruhrgebiet sowie in den angegliederten Universitätskliniken 42.685 Menschen und damit rund 1,3 Prozent mehr als im Vorjahr (inkl. studentischer Hilfskräfte).

Das haben Statistiker des Regionalverbandes Ruhr (RVR) auf Basis aktueller Daten des Landesamtes IT.NRW errechnet. Der Großteil der Beschäftigten (66 Prozent) zählte zum wissenschaftlichen und künstlerischen Personal. 42,4 Prozent des Hochschulpersonals waren in Vollzeit beschäftigt. Rund 45 Prozent des männlichen und knapp 40 Prozent des weiblichen Hochschulpersonals waren Vollzeitangestellte. Rund die Hälfte aller Mitarbeiter waren Frauen. In den Rechts-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften, die auch die Fächergruppe mit den höchsten Studierendenzahlen stellen, waren mit 9.207 Personen (21,7 Prozent) die meisten Mitarbeiter beschäftigt, gefolgt von 8.466 Personen (19,8 Prozent) in den zentralen Einrichtungen der Hochschulen (ohne klinikspezifische Einrichtungen). Für die Statistik hat der RVR ausschließlich Hochschulen mit Hauptsitz oder einem Campus im Ruhrgebiet berücksichtigt. Hinweise dazu stehen unter www.statistik.rvr.ruhr (Menüpunkt Bildung, Hochschulen). Landesweit waren Ende 2016 an 74 Hochschulen und acht Hochschulkliniken 141.571 Personen (ohne studentische Hilfskräfte) beschäftigt. Das entspricht einem Plus von 3,7 Prozent. Infos auch unter www.it.nrw.de Campus im Ruhrgebiet berücksichtigt.

Hinweise dazu stehen unter www.statistik.rvr.ruhr (Menüpunkt Bildung, Hochschulen). Landesweit waren Ende 2016 an 74 Hochschulen und acht Hochschulkliniken 141.571 Personen (ohne studentische Hilfskräfte) beschäftigt. Das entspricht einem Plus von 3,7 Prozent. Infos auch unter www.it.nrw.de

Forschungsprojekt soll Widerstandkraft des Ruhrgebiet gegen Folgen des Klimawandels stärken

(idr). Auch im Ruhrgebiet sind die Auswirkungen des Klimawandels immer wieder spürbar – in Form von Hochwasser, Stürmen und Hitzewellen. In dem Projekt „Zukunft-Stadt-Region-Ruhr“ (ZUKUR) erarbeiten Wissenschaftler der Technischen Universität Dortmund gemeinsam mit dem Regionalverband Ruhr (RVR) und den Städten Bottrop und Dortmund ein Konzept für mehr Resilienz des Ruhrgebiets

Ziel ist es, die Widerstandsfähigkeit der Region gegen Störungen und Klimaveränderungen zu stärken. Das Bundesforschungsministerium fördert das Vorhaben in den kommenden drei Jahren mit 1,88 Millionen Euro.
Auf den drei Ebenen Region, Stadt und Quartier entstehen „Reallabore“, in denen gemeinsam mit Bürgern innovative Lösungen zum Umgang mit dem Klimawandel und sozial-ökologischer Ungleichheit entwickelt werden. So gibt es Stadtteile, die besonders stark von Lärm und Luftverschmutzung betroffen sind und in denen vor allem sozial schwache Menschen leben. Wie dieser kombinierten Ungleichheit entgegengewirkt werden kann, z.B. durch Schaffung einer attraktiveren Naherholung, ist eine Fragestellung im Projekt.
Zudem soll die Zusammenarbeit der drei Ebenen gestärkt werden. Denn eine klimagerechte Entwicklung kann nur erfolgreich sein, wenn das angrenzende Quartier, die Nachbarstadt und die Gesamtregion eine gemeinsame Strategie verfolgen.
Der RVR hat mit fachlicher Grundlagenarbeit bereits eine gute Ausgangslage geschaffen, auf der ZUKUR aufbaut. Der Verband ist u.a. dafür zuständig, die gesamtregionale Perspektive in das Forschungsprojekt einzubringen.

Klimaforscher stellen Fakten zum Klimawandel klar

Statement des Deutschen Klima-Konsortiums (DKK) anlässlich der Diskussionen nach dem Austritt der USA aus dem Pariser Klima-Abkommen

12. Juni 2017 – Die aktuelle Diskussion um den Austritt der USA aus dem Pariser Klima-Abkommen scheint einige Personen aus Politik und Medien zu motivieren, altbekannte und längst wiederlegte Zweifel an der Existenz des vom Menschen verursachten (anthropogenen) Klimawandels sowie an der Wissenschaftlichkeit des Weltklimarates öffentlich zu äußern.

Dazu erklärt der Verband der Klimawissenschaften, das Deutsche Klima-Konsortium (DKK) e. V.:


Wir widersprechen vehement öffentlichen Beiträgen, die in der Bevölkerung zur Verunsicherung über die Faktenlage hinsichtlich des Klimawandels führen können. Angesichts der Dringlichkeit eines weltweiten Klimaschutzes möchten wir folgende Punkte herausstellen.


 Zur Einordnung der Fakten

  1. „Der Einfluss des Menschen auf das Klimasystem ist klar und die jüngsten anthropogenen Emissionen von Treibhausgasen sind die höchsten in der Geschichte. Die jüngsten Klimaänderungen hatten weitverbreitete Folgen für natürliche Systeme und solche des Menschen.“ So lautet eine der Kernbotschaften des 5. Sachstandsberichts des Weltklimarates (Intergovernmental Panel on Climate Change, kurz IPCC) {1}. Die Klimawissenschaft, deren Erkenntnisstand der IPCC etwa alle sieben Jahre in einem Sachstandsbericht zusammenfasst, erforscht seit Jahrzehnten Klimaschwankungen, durch den Einfluss von Sonnenaktivität, Erdumlaufbahn, Vulkanausbrüchen, El-Niño-Ereignissen etc. Das Ergebnis: Ohne die menschliche Aktivität, insbesondere die Verbrennung von Kohle, Öl und Gas, lassen sich die beobachteten Veränderungen im Klimasystem nicht erklären.   
  2. Der natürliche Wechsel von Kalt- und Warmzeiten erfolgt über Jahrzehntausende. Diese enorm langen Zeiträume der Erdgeschichte sind auf den Planungs- und Erfahrungshorizont des Menschen übersetzt Ewigkeiten. Die derzeit beobachtete, im Vergleich dazu schnelle Erwärmung in nur 150 Jahren mit ihren vielfältigen Folgen ist eine völlig neue Entwicklung. Der Vergleich mit früheren Warmzeiten ist unzulässig. Die Menschheit und unsere Kultur und Technologien haben keinen dieser Wechsel erlebt, sondern haben sich in einer ungewöhnlich langen Warmzeit ohne große klimatische Schwankungen entwickelt.
  3. „Fortgesetzte Emissionen von Treibhausgasen werden eine weitere Erwärmung und langanhaltende Änderungen aller Komponenten des Klimasystems verursachen und damit die Wahrscheinlichkeit von schwerwiegenden weitverbreiteten und irreversiblen Folgen für Menschen und Ökosystem erhöhen. Eine Begrenzung des Klimawandels würde erhebliche und anhaltende Minderungen der Treibhausgasemissionen erfordern, wodurch – verbunden mit Anpassung – die Risiken des Klimawandels begrenzt werden können {2}.“ Dieses Statement aus dem Bericht des Weltklimarats verdeutlicht die Rolle der Treibhausgas-Emissionen für die zukünftige Entwicklung des Klimas.

Zur Arbeit der Klimaforschung und des Weltklimarats IPCC

  1. Die Klimaforschung muss, wie jede andere Wissenschaft, den Anforderungen an gute Wissenschaft genügen: Transparenz der Methode, Evidenzbasiertheit, Wiederholbarkeit, unabhängige Überprüfung, um nur einige zu nennen. Damit ist die Wissenschaft zwar nicht gegen Irrtümer gefeit, das System ist aber langfristig auf Selbstkorrektur angelegt {3}. Insbesondere, wenn – wie in der Klimawissenschaft –  sehr viele Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in demselben Bereich arbeiten und die Konkurrenz um die sichersten Ergebnisse hoch ist.
  2. Gerade weil der Klimawandel mit den menschlichen Sinnen schlecht wahrnehmbar ist, spielten die Beobachtungen und Messungen aus der Wissenschaft von Beginn an eine wichtige Rolle. Als sich die Hinweise auf einen menschlichen Einfluss auf das Klimasystem verdichteten, riefen 1988 zwei UN-Organisationen {4} das Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) ins Leben, mit dem Ziel, wissenschaftliche Politikberatung von einem internationalen Forschungsgremium zu erhalten. 195 Regierungen erkennen die wissenschaftlichen Aussagen des IPCC an. Dieser Erfolg spiegelt sich unter anderem in der Gründung des IPBES (Intergovernmental Platform on Biodiversity and Ecosystem Services) wieder, einem Gremium, das nach ähnlichem Muster die Politik zu dem globalen Problem der abnehmenden Biodiversität berät.
  3. Das Beratungsmandat des IPCC besteht darin, verlässliche und umfassende Informationen für politische Entscheidungsträger zu erstellen. Die aufwendigen internationalen Abstimmungsprozesse unter rund 1000 renommierten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus aller Welt sollen ausdrücklich „politik-relevante aber nicht politik-bestimmende“ Ergebnisse liefern. Die Rollenverteilung zwischen der Wissenschaft (Auswertung der vorhandenen Fachliteratur) und der Politik (Entscheidungsfindung auf Grundlage der Sachstandsberichte) ist klar geregelt. Kleine Fehler, medial nicht selten zu Grundsatzfragen aufgebauscht, sind wie überall schwer zu vermeiden. Das Entscheidende aber ist, dass sie in der Praxis rasch korrigiert wurden, und nicht die grundsätzlichen Erkenntnisse in Frage stellen.
  4. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des IPCC arbeiten rein ehrenamtlich, um Interessenkonflikte zu vermeiden {5}. In Deutschland unterstützen das Bundesforschungsministerium und das Bundesumweltministerium diese Arbeit durch die Finanzierung von wissenschaftlichen Personal und einer Geschätfsstelle des Weltklimarates.

{1} IPCC, 2014: Klimaänderung 2014: Synthesebericht. Beitrag der Arbeitsgruppen I, II, und III zum Fünften Sachstandsbericht des Zwischenstaatlichen Ausschusses für Klimaänderungen (IPCC) (Hauptautoren, R.K. Pachauri und L.A. Meyer (Hrgs)). IPCC, Genf, Schweiz. Deutsche Übersetzung durch Deutsche IPCC Koordinierungsstelle, Bonn, 2016; http://www.de-ipcc.de/_media/IPCC-AR5_SYR_barrierefrei.pdf siehe auch Hauptaussagen in dt. Sprache unter: http://www.de-ipcc.de/_media/IPCC_WG1_AR5_Headlines_deutsch.pdf
{2} IPCC, 2014: Klimaänderung 2014: Synthesebericht. Beitrag der Arbeitsgruppen I, II, und III zum Fünften Sachstandsbericht des Zwischenstaatlichen Ausschusses für Klimaänderungen (IPCC) (Hauptautoren, R.K. Pachauri und L.A. Meyer (Hrgs)). IPCC, Genf, Schweiz. Deutsche Übersetzung durch Deutsche IPCC Koordinierungsstelle, Bonn, 2016;
http://www.de-ipcc.de/_media/IPCC-AR5_SYR_barrierefrei.pdf
{3} Siehe Memorandum der Deutschen Forschungsgemeinschaft zur Sicherung guter wissenschaftlicher Praxis unter http://www.dfg.de/download/pdf/dfg_im_profil/reden_stellungnahmen/download/empfehlung_wiss_praxis_1310.pdf
{4} Die Organisationen UNEP und WMO (UNEP: United Nations Environmental Programme – Umweltprogramm der Vereinten Nationen; WMO: World Meteorological Organisation – Weltorganisation für Meteorologie)
{5} IPCC – Kompaktinformation: Der Weltklimarat IPCC, Deutsche IPCC Koordinierungsstelle, Bonn,2014:
http://www.de-ipcc.de/_media/de-ipcc-kompaktinfo_IPCC_web.pdf

 

> Den gesamten Text des Statements finden Sie auch auf unserer Website.

Das Deutsche Klima-Konsortium e. V. (DKK) ist ein Wissenschaftsverband und vertritt führende Akteure der deutschen Klimaforschung und Klimafolgenforschung. Dazu gehören Universitäten, außeruniversitäre Forschungseinrichtungen und Bundesbehörden. Das DKK steht für wissenschaftsbasierte Politikberatung, greift aktuelle Klimathemen auf und liefert Hintergründe aus Expertensicht.

Vorstand

  • Prof. Dr. Mojib Latif, GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel, Vorstandsvorsitzender
  • Dr. Paul Becker, Deutscher Wetterdienst
  • Prof. Dr. Gernot Klepper, Institut für Weltwirtschaft
  • Prof. Dr. Jochem Marotzke, Max-Planck-Institut für Meteorologie
  • Prof. Dr. Monika Rhein, Institut für Umweltphysik – Zentrum für Marine Umweltwissenschaften IUP-MARUM, Universität Bremen

 

Politische Bildung und Wahlverhalten – Ungebildete gehen weniger oft wählen

Wer keine Ahnung von Politik hat, wählt eher europaskeptische Parteien… Tatsächlich? Angesichts jüngster Wahlerfolge populistischer Parteien – wie bei der Präsidentschaftswahl in Frankreich – scheint es gesellschaftlicher Konsens zu sein, dass deren Wählerinnen und Wähler politisch eher unwissend sind. Der Sozialwissenschaftler Dr. Markus Tausendpfund von der FernUniversität in Hagen fragte sich, ob das stimmt: Wie wirkt sich politisches Wissen von Bürgerinnen und Bürgern auf deren Wahlbeteiligung und Wahlentscheidung aus?
Gemeinsam mit der Politikwissenschaftlerin Dr. Daniela Braun von der Ludwig-Maximilians-Universität München untersuchte Tausendpfund mit Daten der European Election Study 2014 das Wahlverhalten der Bürgerinnen und Bürger bei der Europawahl 2014. Mit 42,6 Prozent war die Beteiligung an der EU-Wahl 2014 die niedrigste bei Direktwahlen des Europäischen Parlaments. Gleichzeitig erreichten euroskeptische Parteien den höchsten Stimmenanteil seit 1979.
Wissen und wählen: Ja, aber was?
„Je größer das politische Wissen, desto eher wird sich eine Person auch an einer Wahl beteiligen“, erläutert Dr. Tausendpfund, „das ist relativ gut erforscht“. Politisch Gebildete beteiligen sich auch eher an EU-Wahlen, weil sie deren Bedeutung erkennen. Nur wer das entsprechende Wissen hat, kann die hochkomplexen politischen und strukturellen Zusammenhänge der EU verstehen und die Bedeutung der Brüsseler Entscheidungen für alle EU-Bürgerinnen und EU-Bürger einschätzen. Falsch wäre jedoch der Schluss, „dass jemand mit viel politischem Wissen nicht euroskeptisch wählt“, haben die Wissenschaftler festgestellt. „Wer zufrieden mit der Europäischen Union ist, tendiert seltener zu EU-kritischen Parteien. Wer mit der EU hadert, neigt ihnen eher zu“, sagt Tausendpfund.
Es gibt einen weiteren Grund, antieuropäisch zu wählen: Unzufriedenheit mit der eigenen nationalen Regierung: „Es kann auch um Denkzettel für nationale Eliten gehen“, sagt Tausendpfund.
Für den Wissenschaftler im Arbeitsbereich Quantitative Methoden der Hagener Fakultät Kultur- und Sozialwissenschaften ist die bisherige Vernachlässigung des politischen Wissens überraschend und besorgniserregend, „weil es für die politischen Einstellungen und Verhaltensweisen der Bürgerinnen und Bürger außerordentlich bedeutend ist“. Die Neigung zu Protestwahlen dürfte auf der EU-Ebene größer sein als etwa bei einer Bundestagswahl.
Tausendpfund: „Die EU-Wahl wird als weniger wichtige ‚Nebenwahl‘ wahrgenommen. In Deutschland zum Beispiel liegt die Beteiligung daran mit etwa 45 Prozent auf eher schwachem Niveau.“ Das sei allerdings fatal, weil auf der EU-Ebene immer mehr Entscheidungen fallen, die auch für die Bürgerinnen und Bürger in den Nationalstaaten wichtig sind. „Die Bedeutung des Europäischen Parlaments wächst, die Beteiligung bei seiner Wahl sinkt. Der Bundestag wird als viel wichtiger wahrgenommen.“
EU-Wahl und Bundestagswahl
Die Ergebnisse für die EU-Wahl sind, so Tausendpfund, nicht ohne weiteres auf die Bundestagswahl zu übertragen. Doch auch das bundespolitische Wissen der Deutschen sei „überschaubar“: „In Deutschland und in vielen anderen Staaten ist es mittelmäßig bis schwach und zudem auf niedrigem Niveau weit gespreizt. Den Homo Politicus gibt es eher nicht.“ Das sei problematisch, weil „rudimentäres Wissen an der Wahlurne“ im Gegensatz zur gesellschaftlich-politischen Erwartungshaltung stehe, sich im Sinn einer direkteren Demokratie immer stärker zu beteiligen. Nur 60 Prozent der Bürgerinnen und Bürger wissen zum Beispiel, dass die Zweitstimme wichtiger ist als die Erststimme. Auch um weiteres Basiswissen – etwa zu Wahlgeheimnis oder 5-Prozent-Hürde – „ist es erschreckend bestellt“, so Tausendpfund, „vor allem bei Bürgerinnen und Bürgern, die sich im Alltag nicht mit Politik beschäftigen.“ Nicht besser sieht es aus, wenn es um Spitzenpolitikerinnen und Spitzenpolitiker geht: Nur 20 Prozent der Befragten konnten zum Beispiel anlässlich der Europawahl 2014 Jean-Claude Juncker (Europäische Volkspartei) und Martin Schulz (Europäische Sozialdemokraten) ihren Fraktionen im Europäischen Parlament richtig zuordnen.

Dr. Markus Tausendpfund – Lebenslauf (Auszüge)

Wissenschaftlicher Mitarbeiter der FernUniversität in Hagen, Fakultät für Kultur- und Sozialwissenschaften, Arbeitsstelle Quantitative Methoden (seit 1. Juli 2014)

Wissenschaftlicher Mitarbeiter im Lehrgebiet Politikwissenschaft I: „Staat und Regieren“ der FernUniversität (10/2013-6/2014)

Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl „Politisches System der Bundesrepublik Deutschland“ der Friedrich-Schiller-Universität Jena (9/2011-9/2013)

Promotion zum Doktor der Sozialwissenschaften an der Universität Mannheim (Dissertation: 05/2012).

Arbeitsschwerpunkt

  • Quantitative Methoden der Sozialwissenschaften

Forschungsschwerpunkte

  • Methoden der empirischen Sozialforschung
  • Einstellungs- und Verhaltensforschung
  • Lokale Politikforschung

 

 

 

Kann Wohlstand aus dem Weltall heraus gemessen werden?

Konstanzer Politikwissenschaftler zeigen, dass durch Satelliten gemessene Licht-Emissionen zuverlässige Wohlstandsprognosen auch für kleine geographische Einheiten zulassen

In der Nacht erleuchtete Städte und Dörfer sind in Weltregionen wie Europa eine Selbstverständlichkeit. Anders in Entwicklungsländern. Satellitendaten zeigen, dass es dort nachts neben erleuchteten auch viele dunkle Regionen gibt. Die beiden Konstanzer Politikwissenschaftler Prof. Dr. Nils Weidmann und Dr. Sebastian Schutte haben Satelliten-Daten von Nachtlicht-Emissionen ausgewertet und sie mit Daten klassischer Umfragen verglichen. Sie konnten zeigen, dass es möglich ist, aufgrund des Nachtlichts den Wohlstand einer Region zu prognostizieren. Während die Analyse von Nachtlicht-Emission bislang auf Länderebene eingesetzt wurde, können die beiden Wissenschaftler nun belegen, dass dies auch innerhalb eines Landes für kleine geographische Einheiten wie zum Beispiel einzelne Dörfer funktioniert. Ihre Ergebnisse wurden in einer Sonderausgabe des Journal of Peace Research zum Thema „Prognose in der Friedensforschung“ veröffentlicht.

Wohlstand spielt eine entscheidende Rolle in vielen Theorien zu Krieg und Frieden. Wirtschaftlicher Wohlstand beeinflusst viele politische und gesellschaftliche Variablen, ist aber in vielen Teilen der Welt schwer zu messen. Punktuell werden Wohlstands-Indizes über Umfragen ermittelt. Das ist jedoch nicht in allen Regionen der Welt möglich und insbesondere in solchen Ländern schwierig, an denen die Konfliktforschung besonders interessiert ist. Die Satelliten-Daten zur nächtlichen Licht-Emission können hier als alternative Datenquelle eingesetzt werden. Je genauer die Datenlage, desto präziser könnte beispielsweise geschätzt werden, inwieweit Wohlstand und Wohlstandsunterschiede das Konfliktrisiko beeinflussen, oder wie hoch der wirtschaftliche Schaden durch Gewalt in einer bestimmten Region ist.

Nils Weidmann und Sebastian Schutte haben zwei frei zugängliche Daten-Pools für ihre Untersuchung genutzt: Die Umfragedaten der „Demographic and Health Survey“ (DHS) sowie Daten aus dem „Defense Meteorological Satellite Program“ (DMSP), das die Satelliten-Daten liefert. Die Nachtlicht-Daten resultieren aus jeweils einjährigen Beobachtungszeiträumen, um so verfälschende Werte durch Wolken oder Waldbrände ausschließen zu können.

Die Referenz liefern die Umfragedaten, die ebenso wie die Satelliten-Daten über geographische Koordinaten verortet werden. So können die beiden Daten-Sätze zusammengeführt und verglichen werden. Das Ergebnis ist eindeutig: Mehr Licht korreliert mit mehr Reichtum, was an der pakistanischen Stadt Hyderabad beispielhaft gezeigt werden kann (siehe Abbildung). Hier entspricht die höchste Licht-Emission dem Wohlstandsindex von 4,54 (Skala von 1 für arm bis 5 für reich). Dieser Wert entspricht einem sehr hellen Nachtlichtwert, während eine vergleichsweise arme Region (Wohlstandsindex von 1,82) wenig oder keine Nachtlichter emittiert. Ein solcher Vergleich wurde für mehr als 34.000 Umfrageergebnisse in rund 40 Ländern ausgeführt.

Die Ergebnisse zeigen, dass der Zusammenhang zwischen Wohlstand und Nachtlichtern in den meisten der untersuchten Länder sehr stark ist. „Wir können mit sehr hoher Genauigkeit vorhersagen, in welcher Rangordnung befragte Haushalte zueinander stehen“, resümiert Sebastian Schutte, der Mitglied im Zukunftskolleg der Universität Konstanz ist. Ist bekannt, wo in einem Land sich diese Haushalte befinden, kann diese Methode auch für Regionen außerhalb der untersuchten Stichprobe eingesetzt werden.

Der Datenvergleich zeigt, dass die Satelliten-Methode in der Lage ist, fehlende Daten zu ergänzen, wo Umfrageergebnisse nicht vorhanden sind. Obendrein liefert sie einen Weg, um das Wohlstandslevel von Ländern miteinander in Beziehung zu setzen. Allerdings ist das Verhältnis von Wohlstand und Licht im globalen Vergleich nicht einheitlich. Beispielsweise erreicht in Albanien die Licht-Emission einer wohlhabenden Region einen deutlich höheren Wert als in Liberia, weshalb Unterschiede zwischen Ländern berücksichtigt werden müssen. Ein reiches Land wie zum Beispiel Schweden auf diese Weise zu vermessen funktioniert nicht. Hier sind bewohnte Gegenden unabhängig von Wohlstand in der Nacht hell erleuchtet.

Originalveröffentlichung:
Nils. B. Weidmann, Sebastian Schutte: Using night light emissions for the prediction of local wealth. Journal of Peace Research, 54 (2), 2017.
URL: http://dx.doi.org/10.1177/0022343316630359

Faktenübersicht:
* Prof. Nils Weidmanns Forschung wird durch einen Sofja-Kovalevskaja-Preis der Alexander von Humboldt-Stiftung finanziert.
* Dr. Sebastian Schutte wird durch ein Marie-Curie Fellowship am Zukunftskolleg der Universität Konstanz gefördert.
* Die Daten stammen aus dem Zeitraum 2002 bis 2012.
* Die Analyse schließt mehr als 34.000 Messpunkte aus rund 40 Ländern ein.
Titelbild: Vergleich von Wohlstandsindizes aus Umfragen des „Demographic and Health Survey“ (DHS) und Nachtlicht-Emissionen in Pakistan.

(ü. Pm.)